1860 München: Der zweite Fall. Und warum er kein Zufall ist.
Zum zweiten Zwangsabstieg in weniger als zehn Jahren: Ismaik, Satzung, Hoeneß-Vermittlung und die Frage, welchen Verein 1860 sein will.

Gestern wurde es offiziell. 2,7 Millionen Euro fehlten. Die Lizenz kommt nicht. 1860 München spielt nächste Saison in der Regionalliga. Zum zweiten Mal in weniger als zehn Jahren.
Jetzt zeigen alle auf Hasan Ismaik. Der Jordanier hat die Zahlung wieder nicht geleistet. Wie 2017. Gleicher Film, andere Saison.
Aber ich erinnere mich an Peter Grosser. Kapitän der Meistermannschaft von 1966. Der sagte nach dem ersten Zwangsabstieg klar: Der Verein ist das Problem, nicht Ismaik. Er saß jahrelang fünf Meter vom Präsidium entfernt. Hat sich angeboten. Keiner hat ihn je gefragt. Laut Grosser haben alle Beteiligten „nur auf ihren eigenen Geldbeutel und nicht auf den Verein geschaut."
Das ist die eigentliche Geschichte.
Ismaik, Geld und Kontrolle
Ismaik ist schwierig. Das war er immer. Er hat 80 Millionen Euro investiert und beide Male die Lizenz verweigert, wenn der Verein seinen Forderungen nicht nachkam. 2017 wollte er, dass der e.V. strukturelle Änderungen umsetzt. 2026 dieselbe Forderung, dieselbe Blockade. Ismaik hält heute 60 Prozent der Anteile, aber nach der 50+1-Regel nur 49 Prozent der Stimmrechte. Er hat das Geld, aber nicht die Kontrolle. Das war von Anfang an das Konstrukt. Und es hat nie funktioniert.
Hat der FC Bayern eine Rolle gespielt?
Jetzt zur Frage, die viele stellen: Hat der FC Bayern dabei eine Rolle gespielt? Ja, und das ist vollständig belegt. Hoeneß hat es selbst bestätigt, zuerst in der BR-Dokumentation „Rise & Fall" und dann gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Ismaik wollte ursprünglich beim FC Bayern einsteigen. Hoeneß lehnte ab und lenkte ihn zu 1860. Seine eigenen Worte:
Den Ismaik, also den Hamada, den hab' ja auch ich ihnen besorgt.
Er schwieg jahrelang darüber, weil Fans bei Geldthemen „den Rollladen runter machen". Das ist keine Verschwörung. Das ist dokumentierte Strategie eines Mannes, der sehr genau wusste was er tat.
Ob das Absicht war, den Stadtrivalen zu destabilisieren, weiß ich nicht. Ich sage nur was belegbar ist. Belegbar ist: Der FC Bayern hat dem Stadtrivalen einen Investor vermittelt, der bis heute Chaos produziert. Und er tat es im Stillen.
Das gleiche Muster: AFVD
Es gibt ein fast identisches Muster, das kaum jemand kennt: der American Football Verband Deutschland, der AFVD. 25 Jahre lang stand Robert Huber an der Spitze. Gleichzeitig war er Präsident des Bundesverbandes und des hessischen Landesverbandes. Seine Firma German Football Service GmbH hielt Verträge mit dem AFVD, teilweise bis 2033 laufend. Förderung für Vereine? Kaum vorhanden. 2018 starteten Football-Spieler eine Petition mit dem Vorwurf, dass Gelder unverhältnismäßig zu den Funktionären und nicht in den Sport flossen. 2022 stellten neun Landesverbände einen Abwahlantrag. Huber trat zurück und hinterließ dem neuen Präsidium gelöschte Datenträger, ungewöhnliche Kontobewegungen und Verträge, gegen deren Kündigung er bis heute klagt.
Huber ist weg. Das neue Präsidium steht seit über zwei Jahren vor Gerichtsprozessen, die das alte Präsidium ausgelöst hat. Die Strukturen, die 25 Jahre Machtkonzentration möglich gemacht haben, sind nicht mit dem Rücktritt verschwunden.
Warum die Mitglieder nicht handeln können
Jetzt kommt der Kern. Warum können die Mitglieder von 1860 nicht einfach handeln?
Weil es die Satzung verhindert. Satzungsänderungen beim TSV 1860 München erfordern eine Dreiviertelmehrheit der Mitglieder, wie es das BGB in § 33 grundsätzlich vorschreibt. Ismaik hat genau das öffentlich kritisiert und Änderungen gefordert, etwa dass der Verwaltungsrat mehrere Präsidentschaftskandidaten vorschlagen soll statt einen vorzugeben. Die Vereinswebseite Sechzger.de nennt das klar beim Namen: Ismaik will keine demokratische Reform. Er will einen Hebel, mit dem er ohne Eingriffsmöglichkeit der Mitglieder agieren kann.
Das Paradox ist brutal. Die Satzung schützt den Verein vor Ismaik. Gleichzeitig blockiert das Präsidium jeden inhaltlichen Dialog. Und Ismaik hat das Geld, das der Verein braucht. Die Mitglieder sitzen dazwischen und können nichts tun, was schnell genug wäre, um 2,7 Millionen in wenigen Tagen aufzutreiben.
Das Ergebnis war absehbar.
Die Frage, die jeder beantworten muss
Jetzt zur Frage, die sich jeder stellen sollte.
Will 1860 wirklich ein zweites RB Leipzig werden? Ein Wolfsburg, ein Leverkusen, eine TSG Hoffenheim, wo Red Bull, VW, ein Pharmamilliardär oder ein Energiekonzern den Takt vorgibt? Vereine, die Erfolg kaufen, aber keine Geschichte haben, die über Geld hinausgeht?
Hoffenheim ist heute Champions-League-Teilnehmer. Auf einem Platz, der einer Dorfmannschaft ohne Dietmar Hopp niemals gehört hätte.
Leipzig hat die 50+1-Regel mit einem Mitgliedsbeitrag von 800 Euro pro Jahr faktisch ausgehebelt. Wer Mitglied wird, muss vom Vorstand persönlich eingeladen werden. Das ist kein Verein. Das ist eine GmbH mit Fanschal.
Wolfsburg gehört einem Autokonzern. Der VfL existiert, weil VW ihn am Leben hält. Nicht wegen der Fans.
1860 München hatte 1966 eine Meisterschaft. Keine Industriefinanzierung. Keinen Konzern im Rücken. Spieler, die aus der Region kamen. Ein Verein, der wusste wer er ist.
Das ist der Unterschied. Und das ist die Frage, die die Mitglieder, das Präsidium und jeder Fan beantworten muss, bevor der nächste Investor anklopft.
Willst du Erfolg durch Gekauftwerden? Oder willst du einen Verein, der weiß wer er ist und dafür notfalls auch in der Regionalliga spielt?
Beides ist eine legitime Antwort. Aber man muss sich entscheiden.
Ein Verein, der diese Frage nicht beantwortet, wird dasselbe immer wieder erleben. Ismaik oder jemand anderes. Die Liga spielt keine Rolle. Das System bleibt.
Quellen
Ismaik-Forderungen 2026: Sportschau (BR24, 03.06.2026), T-Online (03.06.2026)
Zwangsabstieg bestätigt: Kicker (03.06.2026), Sport1 (03.06.2026)
Hoeneß-Vermittlung: Süddeutsche Zeitung (Mai 2021), bestätigt durch Kicker, Spox, Sky Sport / BR-Doku „Rise & Fall"
Grosser-Aussage 2017: Goal.com
Stimmrechte / Anteilsstruktur: T-Online (2015), Sechzger.de (2025)
Satzungsfrage / Dreiviertelmehrheit: Sechzger.de Faktencheck (Februar 2025), BGB § 33
AFVD-Causa Huber: Wikipedia AFVD, AFVD.de, football-aktuell.de, touchdown24.de, football-austria.com, Wetterauer Zeitung (2020)
RB Leipzig 50+1-Umgehung: allgemein bekannt, dokumentiert durch DFL und Medien